Der Cinque Terre Trail ist Italiens klassische Küstenwanderung: ein Weg, der fünf Dörfer zwischen Meer und Himmel verbindet. Die Route vereint steile Steinstufen, Weinbergterrassen und endlose blaue Horizonte.
Das ist die vollständige Strecke, die ich letztes Jahr gewandert bin, von Riomaggiore bis Monterosso al Mare, durch jedes Dorf und über alle dazwischenliegenden Höhenrouten.
Riomaggiore → Manarola (Via Beccara)

Der Tag begann früh in Riomaggiore, als die Fischer am kleinen Hafen noch ihre Netze ordneten. Der Weg nach Manarola, die Via Beccara, steigt steil über dem Meer an. Der Abschnitt ist mit nur 1,2 km kurz, überwindet aber auf kurzer Strecke mehr als 200 Höhenmeter. Die Treppen führen durch Terrassen mit Trockenmauern und alten Reben, und mit jeder Biegung öffnet sich der Blick weiter über die Küste.
Wenn die Sonne aufs Wasser trifft, färbt sich das Ligurische Meer tief metallisch blau, eher wie ein Mineral als wie eine Flüssigkeit. Beim Abstieg nach Manarola scheinen die pastellfarbenen Häuser auf den Klippen zu schweben, übereinandergeschichtet wie Korallen.
Tourenhinweise:
- Strecke: ~1,2 km
- Aufstieg: 220 m
- Gehzeit: 40–60 min
- Schwierigkeit: mittelschwer bis steil
Manarola → Volastra → Corniglia (Höhenroute)

Der klassische Küstenweg Via dell’Amore war gesperrt, also nahm ich die Höhenroute durch Volastra. Das erwies sich als die bessere Wahl: ruhiger und authentischer. Der Weg schlängelt sich im Zickzack durch Weinberge und Olivenhaine, das Meer tief unten immer im Blick.
Volastra ist ein kleines Dorf auf einer Anhöhe, das vom Tourismus fast vergessen scheint. Alte Frauen kehren die Gassen, und aus den Gärten weht Zitronenduft herüber. Es ist einer dieser Orte, an denen die Zeit um dich herum ihren eigenen Lauf nimmt.

Von hier bleibt der Weg hoch über dem Meer und folgt den terrassierten Bergrücken in Richtung Corniglia. Dieser Teil der Wanderung ist pure mediterrane Poesie: Olivenbäume, Steinmauern, Stille und dieser endlose Meereshorizont.
Tourenhinweise:
- Strecke: ~5 km
- Aufstieg: 350 m
- Gehzeit: 2–2,5 h
- Schwierigkeit: Mittel
- Highlights: Weinberge von Volastra, Meerespanoramen, schattige Oliventerrassen
Corniglia
Anders als die anderen Dörfer liegt Corniglia oben auf einer Klippe statt direkt am Meer. Du erreichst es über 382 Steinstufen, genug, um dir dein erstes Gelato des Tages zu verdienen. Das Dorf wirkt heimelig, ein Labyrinth aus schmalen Gassen und Balkonen voller üppiger Bougainvilleen.
Es ist der ruhigste der fünf Orte und wohl auch der stimmungsvollste. Von der Terrasse bei Santa Maria Belvedere reicht der Blick in beide Richtungen entlang der Küste. Du kannst den gerade zurückgelegten Weg nachverfolgen und den sehen, der noch vor dir liegt.
Corniglia → Vernazza
Hinter Corniglia folgt der Weg dem Hang über dem Meer und schlängelt sich durch niedriges Buschwerk und schattenspendende Kiefern. Die Luft duftet nach Rosmarin und warmem Fels. Das ist einer der landschaftlich schönsten Abschnitte. Etwa auf halber Strecke bietet sich der klassische Postkartenblick der Cinque Terre, wenn Vernazza zum ersten Mal auftaucht: pastellfarbene Häuser, die sich um eine kleine Bucht gruppieren, und der Doria-Turm, der wie ein aufmerksamer Wächter darüber steht.
Der Abstieg ist lang und stufenreich, doch die Aussicht auf ein Bad im Meer hält dich in Schwung.
Tourenhinweise:
- Strecke: ~4 km
- Aufstieg: 250 m
- Gehzeit: 1,5–2 h
- Schwierigkeit: Mittel
- Highlights: Meerblicke, terrassierte Hänge, Abstieg nach Vernazza
Vernazza

Von allen fünf Dörfern wirkt Vernazza mit seinen Farben am lebendigsten. Der Hafen ist voller kleiner Boote und Restaurants, und das Licht des späten Nachmittags lässt den ganzen Ort leuchten. Ein Bad gehört hier unbedingt dazu: Das Wasser ist klar und ruhig, geschützt durch die kleine Steinmole.
Das Abendessen war einfach: Sardellen, Zitrone und Weißwein von den lokalen Sciacchetrà-Reben. Wenn du zusiehst, wie die Sonne hinter Monterosso versinkt, vergisst du leicht, dass es Züge und Autos gibt.
Vernazza → Monterosso
Die letzte Etappe ist anspruchsvoller, als sie aussieht. Der Weg steigt oberhalb von Vernazza steil an, führt dann im Auf und Ab an den Klippen entlang und schließlich hinunter nach Monterosso al Mare, dem größten und am stärksten vom Badeurlaub geprägten der fünf Orte. Unterwegs kommst du an verfallenen, verwilderten Terrassen vorbei. Sie erinnern daran, wie empfindlich diese Landschaft ohne ständige Pflege ist.
Nach Stunden auf Steinstufen wirkt der Anblick von Monterossos Sandstrand fast unwirklich. Das Meer ist hier weit und offen, und nach Tagen auf schmalen Wegen mit weiten Ausblicken fühlt sich der Schritt ins Wasser wie ein Abschluss und ein Neuanfang an.
Tourenhinweise:
- Strecke: ca. 3,5 km
- Aufstieg: 250 m
- Dauer: 2 h
- Schwierigkeit: Mittel bis schwer
- Highlights: Letzte Küstenausblicke, Weinberge, Ankunft am Strand von Monterosso
Hinweise zur Wanderung
- Beste Zeit: April–Juni oder September–Oktober. Meide Juli–August, wenn du Menschenmengen oder Hitze nicht magst.
- Pass erforderlich: Für die meisten offiziellen Wanderwege brauchst du die Cinque Terre Card. Du bekommst sie an Bahnhöfen oder in Besucherzentren.
- Wetter: Schon leichter Regen macht die Wege rutschig. Trag geeignete Wanderschuhe.
- Wasser & Verpflegung: In jedem Dorf gibt es Brunnen, Cafés und kleine Läden. Nimm mindestens 1,5 l Wasser mit.
- Orientierung: Die Wege sind gut markiert (rot-weiße CAI-Markierungen). Offline-Karten (Komoot, Maps.me) sind empfehlenswert.
- Öffentliche Verkehrsmittel: Regelmäßige Züge verbinden alle fünf Dörfer. Du kannst jederzeit Abschnitte abkürzen oder auslassen.
Beste Fotospots:
– Rückblick auf Manarola auf halber Höhe der Via Beccara
– Weinberge von Volastra
– Aussichtsterrasse Belvedere Corniglia
– Abstieg nach Vernazza
– Bergrücken zwischen Vernazza und Monterosso
Abschließende Gedanken
Beim Wandern durch die Cinque Terre geht es nicht um die Strecke, sondern um den Zusammenhang. Jedes Dorf wirkt wie eine Strophe desselben Gedichts: der raue Auftakt in Riomaggiore, der stille Bergrücken von Volastra, die Einsamkeit von Corniglia, die Schönheit von Vernazza, das Loslassen in Monterosso.
Es ist eine Reise, die durch Treppen, Meereslicht und menschliche Ausdauer zusammengehalten wird. Ein Beweis dafür, dass selbst an einem der meistbesuchten Orte Italiens zwischen Weinbergen und Meer noch Wildnis verborgen liegt.




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